28.03.2017
Petra Pau (MdB)
Erschienen in: Marzahn-Hellersdorf links (DIE LINKE. Berlin, Berlin, Berlin)

Jugendse* und Manifest

Marzahn-Hellersdorf

Zum „drittbesten Deutschen“ wurde Karl Marx vor einigen Jahren gekürt, erinnert ein Rezensent des aktuellen Films „Der junge Karl Marx“. Stimmt, das hatte ich längst verdrängt. 2003 suchte das ZDF in einer Show die „100 größten Deutschen“. 1,5 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer beteiligten sich. Am Ende lag Ex-Kanzler Konrad Adenauer (CDU) vorn, hoch gelobt vom Hof- und Haus-Historiker der Union, Guido Knopp. Oje!

Als sich die Groteske abzeichnete, zogen Gesine Lötzsch und ich in Berlin auf den Potsdamer Platz. Damals hatte noch nicht jeder ein Smartphone vor Augen und ein zweites am Ohr. Wir boten Passanten unsere Handys an, wenn sie denn für Karl Marx votieren wollten. Viele taten es. Und so halfen wir, Karl Marx hinter Martin Luther auf Platz 3 zu befördern.
Zeitsprung: Nun fuhren wir vor. Wir betraten den roten Teppich. Wir stellten uns den Fotografen. Die drängten auf ein Gruppenfoto mit uns, mit Katja Kipping, Sahra Wagenknecht, Dietmar Bartsch, Oskar Lafontaine und mir. Und so viele Differenzen man auch sonst in uns hinein orakeln mag, anhand der Berlinale-Premiere des Films „Der junge Karl Marx“ gelang das nicht.

Also saßen wir am 22. Februar 2017 inmitten beteiligter Schauspielerinnen und Schauspieler im prall gefüllten Friedrichstadtpalast. Wir sahen einen Parforceritt durch die Jugend des berühmten Philosophen aus Trier: in Paris, in Brüssel, in London, beim Saufen, beim Rauchen, beim Sex. Nein, solche Bilder waren mir beim Studium seiner „Kritik der politischen Ökonomie“ des Kapitalismus nie in den Sinn gekommen. Dabei war sein Lebensmotto bekannt: „Nichts Menschliches ist mir fremd!“
Natürlich bringt der Film den Zuschauerinnen und Zuschauern auch viele theoretische Überlegungen von Karl Marx nah, allemal in Gesprächen mit Friedrich Engels. In einem Kommentar ist von einem „thesenhaften Politdrama“ mit „rhetorischem Glanz“ des Hauptdarstellers die Rede. Und so strebt der Film seinem Finale zu, dem „Manifest der Kommunistischen Partei“. Der junge Marx war seinerzeit, 1847/48, noch keine 30 Jahre alt.
Ja, „Ein Gespenst geht um in Europa“, hoffte er im Eingangssatz.

Drängender bleibt wohl dieser: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“ Die freie Entwicklung einer jeden …