13.03.2017
Ines Nowack
Erschienen in: Märkische Linke (LINKE Ostprignitz-Ruppin, Ostprignitz-Ruppin, Brandenburg)

Fehrbellin gegen das Vergessen

Es geht nicht um Schuld, es geht um Verantwortung: Nie wieder Auschwitz!

Gedenken am OdF-Denkmal in Fehrbellin
Protzen

Am 27. Januar 1945 wurde das deutsche Vernichtungslager Auschwitz von der Roten Armee befreit. Mit den Worten von Esther Bejarano (deutsch-jüdische Überlebende des KZ Auschwitz): »Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt...« gedachten 33 Fehrbellinerinnen und Fehrbelliner der sechs Millionen ermordeten europäischen Juden, der Sinti und Roma, der Zwangsarbeiter, der Opfer staatlicher Euthanasie, der Homosexuellen und der politischen Gegner und folgten damit dem Aufruf des Aktionsbündnisses »Fehrbellin bleibt bunt«.

Esther Bejarano ist heute 92 Jahre alt, und sie kann sich nichts Schlimmeres vorstellen, als dass die Erfahrung ihrer Generation in Vergessenheit gerät (siehe auch Märkische Linke 01/2017). Ihr Wunsch ist es, dass es keine Nazis mehr auf der Erde gibt, dafür wird sie kämpfen. Die menschenverachtenden Verbrechen der faschistischen Täter verzeihen oder vergeben - das wird sie niemals können.

72 Jahre nach dem vom deutschen Imperialismus ausgehenden Menschheitsverbrechen ist das Thema aktueller denn je. Rund 80 Prozent der Deutschen würden die Geschichte der Judenverfolgung gern »hinter sich lassen« (lt. Bertelsmann-Stiftung 2015). Es gibt immer weniger Überlebende des Holocaust, der vermutlich letzte NS-Prozess ist beendet. Und die Erinnerungskultur in Deutschland wird gewaltig in Frage gestellt. Hitlers »Mein Kampf« wurde 85.000fach verkauft und rangiert auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste, ein Verbotsverfahren gegen die antisemitische NPD ist im zweiten Versuch gescheitert, und der AfD-Politiker Björn Höcke spricht öffentlich von einer »dämlichen Bewältigungspolitik«: »Wir Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.« Folgerichtig erteilte ihm die Gedenkstätte Buchenwald Hausverbot und der Landtag Thüringen schloss ihn von der Holocaust-Gedenkstunde aus.

Umso überwältigender war die Veranstaltung in Fehrbellin - für die Besucher wie auch für die Organisatoren. Mit diesem Zuspruch haben wir nicht gerechnet. Es zeigt uns jedoch, dass für die Fehrbellinerinnen und Fehrbelliner der Kampf gegen das Vergessen sehr wohl zu unserer heutigen Zeit gehört, denn sonst wären alle Opfer des Faschismus und des Krieges, alles das, was sie erlitten haben, umsonst gewesen. Und darauf kann es nur eine Antwort geben: Wir erinnern und wir gedenken weiter! Es geht nicht um Schuld, es geht um Verantwortung, und dazu gehört ein konsequentes Vorgehen gegen Rassismus, Ausgrenzung und Antisemitismus. Aus der Geschichte lernen ist der entscheidende Punkt, und daran müssen wir uns immer erinnern.

Ines Nowack, Protzen
Aktionsbündnis »Fehrbellin bleibt bunt«