06.02.2017
Ralf Kaiser, Bundestagskandidat der LINKEN
Erschienen in: Offene Worte (Virtuelle AG Offene Worte, Eberswalde, Brandenburg)

»Ein paar Federn lassen, ja, aber nicht ganz gerupft werden«

Bahnwerk Eberswalde: Der Investor begann das Jahr mit Kurzarbeit

Eberswalde/Barnim

Die Maschinen und Anlagen im Eberswalder Bahnwerk stehen nahezu alle still. Zum Jahresbeginn übernahm die Eisenbahnwerk Eberswalde GmbH, als Tochterunternehmen des Investors Quantum Capital Partners AG, den Traditionsstandort in Eberswalde von der Deutschen Bahn AG (DB AG) und startete nach einer Belegschaftsversammlung am 2. Januar 2017 mit Kurzarbeit oder Freistellung für die meisten, der verbliebenen 153 Beschäftigten.
Und wer trägt die Schuld daran? Richtig, wieder einmal die beratungsresistente, starrköpfige und geldgierige Gewerkschaft! Die Tarifverhandlungen sind festgefahren – eine Einigung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmerinteressensvertretung scheinbar unmöglich. Aber ist es das Verschulden der Gewerkschaft? Nur, weil sie will, dass kein Beschäftigter schlechter gestellt wird, als bei der Deutschen Bahn AG? Nein! Quantum hatte doch genug Zeit, sich entsprechend auf eine Tarifannäherung mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) vorzubereiten. Die Geschlossenheit der Belegschaft und die Proteste gegen den Schließungsbeschluss des Werkes in den zurückliegenden zwei Jahren müssen doch vom Investor bemerkt worden sein, als Zeichen, dass die Beschäftigten kampfbereit und entschlossen sind. Sie wissen, was sie leisten können und was ihre Arbeit wert ist. Da lässt es die EVG als zuständige Interessensvertretung und Verhandlungsführerin, auch nicht zu, dass es bei einigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bis zu einer 15-prozentigen Schlechterstellung kommt.
Besitzstandswahrung, heißt die Zauberformel. Sicherlich kann man über ein paar kleine Kompromisse und Zugeständnisse reden. Aber ein paar Federn lassen heißt nicht gleich, ganz gerupft zu werden.
Aus meiner eigenen beruflichen Erfahrung und durch meine gewerkschaftliche Tätigkeit habe ich eines sehr deutlich gelernt: Lohnverzicht und unverhältnismäßige Zugeständnisse seitens der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben auf lange Sicht keine Beschäftigung und Existenz eines Unternehmens gerettet.
Eine weitere Begründung für den Stillstand, beziehungsweise stockenden Start des neuen Unternehmens, sind Brandschutzmängel in einigen Bereichen des Werkes – klingt ein wenig wie beim Berliner Flughafenbau. Aber auch hier hatte der Investor im vergangenen Jahr ausreichend Zeit, diesem Problem seine Aufmerksamkeit zu schenken.
Dann ist da noch die Sache mit den abgebauten Maschinen und Anlagen durch die DB AG im Werk; da wurden zufällig auch Anlagen demontiert, die eigentlich vor Ort bleiben sollten. Als das festgestellt wurde, kamen diese wieder zurück, allerdings fehlten einige wichtige Bauteile!
Ich hoffe und erwarte, dass sich die Situation schnellstmöglich entspannt. Dazu zählen vernünftige und zukunftsfähige Haustarifverhandlungen, Besitzstandswahrung für alle Beschäftigten im größtmöglichen Rahmen, funktionsfähige Maschinen und Betriebsstätten sowie volle Auftragsbücher und tendenziell eine Vollauslastung des Werkes, mit Beschäftigtenzahlen, wie es bis zum Herbst 2014 im ehemaligen „RAW“ Eberswalde aussah.