03.06.2016
Redaktion
Erschienen in: Offene Worte (Virtuelle AG Offene Worte, Eberswalde, Brandenburg)

Milch ist dem Verbraucher lieb - aber sie darf nicht teuer sein

Der Milchpreis sinkt und zwingt Bauern zum Aufgeben. Interview mit Holger Lampe (Bauernverband), Vorsitzender des Landwirtschafts- und Umweltausschusses im Kreistag Barnim

Wird aus dem Kälbchen noch eine Milchkuh – oder muss der Bauer vorher aufgeben?
Barnim

Sind die Milchbauern selber schuld am sinkenden Milchpreis, weil sie für die Abschaffung der Milchquote waren?
Die Milchquote der EU, die regelte, wieviel Milch produziert werden darf, war auch keine optimale Lösung. Dass es eine Überproduktion gibt, die den Preis fallen lässt, liegt natürlich zum Teil auch an den Bauern selbst. Der globalisierte Markt ist durch die einzelnen Staaten kaum zu beeinflussen. Deshalb müssen wir mit den Folgen leben. Das Problem ist aber ein weltweites, denn es gibt ja genug „Bedarf“ an der vorhandenen Milch: Aber dem Überangebot an Milch, steht ein Unterangebot an solventen Käufern gegenüber. Das ist der eigentliche Kern.

Wie könnte eine Lösung aussehen?
Dafür gibt es mit dem jetzigen Wirtschaftssystem keine Lösung. Die Versorgung der Menschen mit Nahrungsmitteln gehört eigentlich zur Daseinsvorsorge und müsste planmäßig geregelt werden. Aber das ist derzeit nicht Gegenstand.

Sprechen Sie von einer Planwirtschaft?
Nicht so, wie wir sie in der DDR hatten. Aber das System der Subventionierung der bäuerlichen Wirtschaft ist eben seit Jahrzehnten eingespielt – und niemand traut sich, es generell in Frage zu stellen. Die Produktion landwirtschaftlicher Produkte wird gelenkt mit dem Ziel, den Endverbraucherpreis zu senken. Dabei geben wir schon so wenig für Essen und Trinken aus, wie niemals zuvor. Vor 40 Jahren gab ein Haushalt noch 40 Prozent seines Einkommens für Lebensmittel aus – heute liegt die Quote bei 10 Prozent. Und für viele Verbraucher scheint das immer noch zu viel zu sein. Man könnte es zuspitzen auf die Frage: Brauche ich die nächste Generation eines Smartphones – oder kaufe ich Lebensmittel, die von Bauern der Region produziert werden? Da die Frage im Moment bei den meisten wohl zu Gunsten des Smartphones ausgeht, müssen wir damit leben, dass es immer weniger Bauern gibt. Bauern machen nur noch 1,4 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland aus.

Es gibt Vorschläge, die Milchproduktion zu senken oder dauerhaft zu subventionieren – sind das Lösungen?
Das hilft auch nicht wirklich weiter. Die Bauern, die von den Preisen, die sie für ihre Milch erhalten, nicht leben können, hören auf. Zur Zeit liegt der Preis unter 20 Cent für 1 Liter Milch, 40 Cent ist der Richtwert für kostendeckende Produktion in Deutschland. Auch in Brandenburg haben die ersten Milchbauern bereits aufgegeben. Diese Effizienzanpassung überstehen vor allem größere Betriebe. Aber es betrifft auch andere Bereiche. Getreide- und Schweinefleischpreise sinken ebenfalls gerade. Sie bringen die nächsten bäuerlichen Bereiche ins Trudeln. Dass Bauern immer mal wieder durch ein „Tal“ müssen, wenn es um den Absatz geht, ist allen bewusst. Aber jetzt ist es wohl kein Tal mehr, sondern eine Tiefebene.

Was können die Bauern tun, um den Kreislauf zu durchbrechen?
Das ist eine Frage, bei der man die Hoffnung verlieren kann: Quoten der EU sind auch nur neoliberal und die Interessen von Bauern in 27 völlig verschiedenen Staaten unter einen Hut zu kriegen, ist nicht möglich. Regionale Besonderheiten und Entwicklungen spielen keine Rolle. In der Bundesrepublik und der EU müssten Leitlinien für die Landwirtschaft mit ganz konkreten Zielen für ihre Entwicklung aufgestellt werden. Das wäre ein Möglichkeit, Landwirtschaft zu steuern. Solange das nicht passiert, werden die Landwirte in Bezug auf Import und Export dem freien Spiel des Marktes unterworfen, auf den sie keinen Einfluss haben. So werden sie weiterhin die Almosen nehmen, die ihnen der Staat für ihre Produktion bietet – oder aufgeben.