19.12.2016
Michael Matthes
Erschienen in: Mittelsächsische LinksWorte (Mittelsachsen, Sachsen)

Fünfzehn Jahre Regenbogenhaus in Freiberg

Ruth (3.v.l.) und Johannes (links) Kretzer in "Ihrem" Haus

Das Jubiläum ist der Anlass, aber nicht das Entscheidende. Dieser Beitrag handelt zuvörderst von Menschen, von Bürgerinnen und Bürgern mit einem Ziel. Und er handelt von einer verschworenen Gemeinschaft und viel Menschlichkeit und damit von etwas Wunderbarem. Am Anfang wollten einige Unentwegte etwas tun gegen den Zerfall der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer. Schließlich reifte die Idee zur Tat. Am 3. Dezember 1997 gründet sich der Verein REGENBOGENHAUS E.V. Die Frontfrau ist bis zum heutigen Tag unsere Genossin Dr. Ruth Kretzer-Braun. Das REGENBOGENHAUS sollte Hotel werden, aber nicht nur ein Hotel, sondern die Arbeitsstätte für lernbehinderte und geistig behinderte junge Erwachsene. Wie aus heruntergekommenen Kasernengebäuden, zwischenzeitlich zweckentfremdet, ein architektonisches Schmuckstück wurde, ist eine gesonderte Geschichte, die von Stolpersteinen, Finanzierungslücken aber vor allem vom Stehvermögen der Beteiligten handeln würde. Schließlich war es soweit. Am 1. September 2001 öffnete das HOTEL REGENBOGENHAUS in der Freiberger Brückenstraße Nummer 5 die Türen für die Gäste. Und die kamen zahlreich. Das Hotel ist inzwischen gefragt und demzufolge wirtschaftlich in trockenen Tüchern.

Und nun geht es um die Menschen. Da ist das Ehepaar Ruth und Johannes Kretzer. Johannes Kretzer ist vom ersten Tage an der Geschäftsführer der gemeinnützigen Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Beide tragen die Verantwortung, einmal für den Trägerverein und zum anderen für den Geschäftsbetrieb und dies selbstverständlich ehrenamtlich. Mit ihnen verbunden sind die Mitglieder des Trägervereins. Inzwischen sind sie vielfach geehrt, was sie zweifellos verdient haben. Aber das Denkmal, was sie sich selbst gesetzt haben, ist nicht materiell. Es besteht aus Lebensfreude, Selbstbewusstsein und dem Frohsinn derjenigen, die sonst ausgegrenzt und ohne Chance wären.

Und nun kommt das Absurde. Da werden Menschen wie Du und ich als Behinderte bezeichnet. Mitmenschen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als ein normales Leben zu führen. Ein biologischer Zufall hat dazu geführt, dass sie manches nicht so können, wie die Mehrheit. Aber anstelle dass die Mehrheit das normale Maß an Menschlichkeit aufbringt und solidarisch reagiert, räumt man diesen unseren Mitbürgern keinen Platz in unserer Mitte ein. Wer sind hier eigentlich die Behinderten?

Im REGENBOGENHAUS jedenfalls gibt es diese Welt, die man sich überall wünschte. Da gibt es Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die den Zimmerdienst verrichten, die für das leibliche Wohl der Gäste sorgen, und es gibt die freundliche Bedienung. Und natürlich gibt es auch jemanden, der die berühmte Mütze aufhat. Und das läuft wunderbar. Jedenfalls gibt es bis jetzt keine Hotelgäste, die sich beschwert haben. Aber es gab welche, die sich entschuldigt haben, dass sie Vorbehalte hatten, als sie erfuhren, wo sie untergebracht sind.

Das Wunder REGENBOGENHAUS erfährt man, wenn man von der Entwicklung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfährt. Diejenigen, die zuvor auf Förderschulen aussortiert wurden, lernen im REGENBOGENHAUS Modul für Modul einen vollwertigen Beruf im Hotelgewerbe. Das leistet alles das Leitungskollektiv, denn das öffentliche duale System versagt hier wiederum. Der Ausbildungsbetrieb muss neben den praktischen Fähigkeiten auch das Berufsschulwissen vermitteln. Aber der Industrie- und Handelskammer Chemnitz sei Dank. Sie nimmt die Facharbeiterprüfung ab. Immerhin haben schon sieben junge Leute das Facharbeiterzeugnis erhalten. Zwei von ihnen wurden in den Dienst des REGENBOGENHAUSES übernommen. Vier arbeiten inzwischen in anderen Betrieben des Gastgewerbes. Zwei stehen vor dem Berufsabschluss und fünf haben die Ausbildung aufgenommen.

Soweit in Kürze die Bilanz, die einmalig in Deutschland ist. Aber vergessen wir nicht. Das ist möglich, durch das Engagement Einzelner. Aber die Belohnung ist reichlich. Menschen, denen diese Gesellschaft keine Chance einräumte, haben einen Lebensinhalt und Selbstbestätigung gefunden. Und übrigens, wer in Freiberg ist und Appetit oder gar Hunger verspürt – Man isst in der Brückenstraße 5 sehr gut.

Hinweis

Die gesamte August-Ausgabe der LinksWorte ist

unter www.linksworte-mittelsachsen.de/ausgaben/110.pdf zu finden. Frühere Ausgaben sind archiviert unter

www.linksworte-mittelsachsen.de/archiv.html .