15.06.2015
Kerstin Zillmann
Erschienen in: Märkische Linke (LINKE Ostprignitz-Ruppin, Ostprignitz-Ruppin, Brandenburg)

Flüchtlinge in Wittstock gut betreut

Bündnis »Wittstock bekennt Farbe« in Aktion

Wittstock

Im Herbst 2014 bekamen wir in Wittstock die ersten Flüchtlinge. Die Unterbringung erfolgte im B3-Center, eine Szene-Location mit schönen Zimmern. In den nächsten Tagen machten wir uns bekannt. Die Kinder waren anfangs recht scheu, aber mit einer Menge Halloween- Naschkram war das Eis schnell gebrochen. Die Familien kamen aus unterschiedlichen Nationen.

Ich begann eine Patenschaft mit einer Familie aus Tschetschenien. Sie hatten keine Wintersachen, waren auf die Kälte nicht eingerichtet. So beschlossen wir (Mitstreiter vom Bündnis »Wittstock bekennt Farbe«), für warme Sachen zu sorgen. Wir kauften warme Schuhe, warme Hosen und Jacken für die Kinder. Die Mädchen wollten unbedingt stricken lernen, ihre Oma wollte es ihnen beibringen. Für solche Dinge reichte aber das Geld nicht. So beschloss ich, einen Aufruf zu starten: Wolle, Strickzeug und auch fertige Schals, Socken und Mützen werden gebraucht. Ich ging in die Seniorentreffs und sprach mit den Seniorinnen. Dort erklärten sich spontan einige Rentnerinnen bereit, etwas mitzubringen. Da kam einiges zusammen, fertiges und auch Wolle und Nadeln. Das brachte ich zu den Mädchen und sofort ging es los. Drei Tage später zeigten sie stolz ihre ersten Strickversuche.

Viele Helfer in Aktion

Meine Hintergedanken dabei waren, für Ablenkung und Beschäftigung zu sorgen. An einem schönen Herbsttag bin ich dann mit den Mädchen etwas spazieren gegangen, habe ihnen die Stadt gezeigt. Sie sind Moslems und trugen ihre Kopftücher. Mancher hat uns hinterher geguckt, jedoch fiel kein einziges böses Wort. Auch ich konnte etwas lernen, ich habe in dieser Zeit mein altes Schul-Russisch auffrischen können.

Auch mit den Syrern kam man oft ins Gespräch, allerdings musste ich umdenken, sie sprechen englisch. Da kam manchmal etwas durcheinander, ich hab dauernd englisch und russisch in einem Satz gehabt und wunderte mich, dass Tamin mich nicht verstand. Isabella Dolinska holte sich die Frauen nach Hause und kochte mit ihnen landestypisch. Das hat Andrew Förster auch gemacht, so waren die Flüchtlinge dauernd unterwegs. Sie freuten sich darüber sehr, so was haben sie noch nicht erlebt. Laufend fuhr Andrew mit einigen Flüchtlingen zur Kleiderkammer und in die Stationen der GAB.

Dann kam der Tag, an dem die erste syrische Familie eine Wohnung beziehen konnte. Andrew fuhr wieder los und sie suchten sich die ersten Möbel aus. Nun hieß es, Helfer zu organisieren, die die Wohnung einräumen helfen. Spontan fanden sich einige und es konnte losgehen. Die Syrer waren überrascht, wie viel Hilfe sie bekamen. Die Schlepperei strengte ganz schön an und die Männer arbeiteten bis spät abends. Ein paar Tage später bekamen die nächsten ihre Wohnungen und immer fanden sich fleißige Helfer ein. Die Hilfe endete aber nicht nach dem Einzug, auch bis heute haben wir einen sehr guten Kontakt und besuchen sie oft.

Als die Nazis am 6.12.2014 ihren »Abendspaziergang« in Wittstock abhalten konnten, gab es starken Gegenprotest. Ich hatte einen Infostand direkt an der Marschstrecke angemeldet. Dort wurde eine Liste ausgelegt und jeder, der helfen wollte, konnte sich eintragen. Die Liste übergab ich an Martin Osinski. Dabei waren Sachspenden, Deutschunterricht, Patenschaftsangebote und allgemeine Hilfe (Gang zum Arzt…) angeboten worden. Diese Hilfen werden jetzt gut genutzt.

Für Nazis kein Gehör

Bei einer Einwohnerversammlung zur Information über die Flüchtlinge in der Stadthalle gab es sehr große Anteilnahme und viele weitere Hilfsangebote. Die Handvoll Nazis, die da erschien, stellte blöde und dumme Fragen und bekamen die passenden Antworten. Sie beherrschten diese Veranstaltung nicht.

Mitte Dezember zogen die Flüchtlinge, die noch im B3 waren, in andere Einrichtungen. Meine Patenfamilie ging nach Lentzke. Die Bundesrepublik scheute sich schändlicherweise nicht davor, sie im Winter nach Tschetschenien zurück zu schicken, sie mussten Deutschland innerhalb von einer Woche verlassen. Ich habe sie am 5.12. verabschiedet, ohne ihnen zu sagen, was ich da schon wusste.

Da tränten die Augen und das Drücken und Bedanken hörte gar nicht auf.

Ich durfte nichts sagen, aber es tat weh, zu sehen, wie kalt und herzlos man mit ihnen umgeht. Ich würde die Asylpolitik der BRD als Schweinerei bezeichnen.

Sie sind nicht in ihre alte Heimat zurückgegangen. Ich habe später gehört, dass sie in die Türkei gegangen sind. Na ja, da haben sie ja wohl auch keine Chance. Aber immer noch besser, als in Polen in einem Knast zu landen mit den kleinen Kindern. Auch dieser Punkt ist der Bundesregierung bekannt, aber da gibt es keinen Protest von Frau Merkel.

Es ist schön, helfen zu können

Nun kehrte erstmal Ruhe ein in die Gerüchteküche der Stadt Wittstock. Sehr viel Blödsinn wurde verbreitet von Leuten, die überhaupt keine Ahnung hatten. Die haben nie mit einem Flüchtling gesprochen. Ich will diese Gerüchte hier nicht wiedergeben, sie entbehren jeder Grundlage.

Im diesen Wochen werden wieder neue Flüchtlinge kommen. Ich persönlich freue mich schon sehr darauf. Jeder ist anders und es ist einfach schön, diesen Menschen helfen zu können. Sie sind für Kleinigkeiten sehr dankbar, Dinge, die uns überhaupt nicht mehr auffallen würden. Es gibt tatsächlich noch Kinder, die nie ein Stofftier hatten!

Unser Bündnis hat schon Pläne, wie wir weitere Hilfe anbieten wollen. Und zwischendurch treten wir gegen die Nazis an. Davon berichte ich dann später.

Seid gespannt und unterstützt bitte auch die Flüchtlinge in eurer Nähe, sie brauchen euch.